Die sardische Flagge, was die vier Köpfe wirklich bedeuten
Wer zum ersten Mal nach Sardinien reist, sieht sie überall. Auf Gebäuden, an Strandkiosken, auf T-Shirts, auf Bierflaschen, auf Nummernschildern, auf Booten. Eine weiße Flagge mit rotem Kreuz und vier schwarzen Köpfen in den vier Feldern. Man schaut hin, denkt kurz nach und fragt sich: Was soll das eigentlich sein?
Die Antwort ist komplizierter als man denkt. Und interessanter.
Der Name und das erste Rätsel
Die Flagge heißt auf Italienisch Bandiera dei Quattro Mori, Flagge der vier Mohren. Auf Sardisch sagt man sa bandela de sos bator moros. Sie ist durch ein rotes Kreuz auf weißem Grund gekennzeichnet, auf dem in den Ecken vier dunkle Gesichter mit weißem Stirnband abgebildet sind.
Das Kreuz ist das Georgskreuz, dasselbe das auch auf der englischen Flagge zu sehen ist. Nichts Ungewöhnliches daran. Was Fragen aufwirft, sind die vier Köpfe. Und davon gibt es mehr als eine Erklärung.
Die Legende aus Spanien
Einer Legende zufolge erschien im Jahr 1096 in Spanien während der blutigen Schlacht von Alcoraz, bei der Pedro I. von Aragón gegen die Muslime kämpfte, plötzlich ein Ritter mit einem roten Kreuz auf der Brust, der die Mauren in die Flucht schlug. Nachdem er die Schlacht gewonnen hatte, fand Pedro I. zwischen den Körpern der Gefallenen vier Köpfe von enthaupteten Königen. Der Ritter wurde als der heilige Georg identifiziert und zur Erinnerung an das Wunder schuf der König von Aragón ein Wappen, das die vier Köpfe mit einem roten Kreuz darstellt.
Das ist die bekannteste Version und die, die am weitesten verbreitet ist. Sie erklärt auch warum das Symbol zunächst aragonesisch war und erst später sardisch wurde. 1297 übergab der Papst Sardinien als Lehen an König Jakob II. von Aragón, und das Symbol kam mit den neuen Herrschern auf die Insel.
Die sardische Erklärung, vier Königreiche
Viele Sarden sehen das anders. Und sie haben gute Gründe dafür.
Im 9. Jahrhundert entstand in Sardinien ein politisches Machtvakuum, das zu Selbstverwaltung und Autonomie führte. Vier Distrikte bildeten sich heraus, denen jeweils ein Richter als oberste Autorität vorstand. Sie sind darum als Judikate in die Geschichte eingegangen.
Diese vier Judikate waren die unabhängigen sardischen Gebiete Cagliari, Logudoro, Arborea und Gallura, die zwischen dem neunten und fünfzehnten Jahrhundert existierten. Vier Köpfe, vier Königreiche. Diese Deutung macht für viele Sarden mehr Sinn als die spanische Schlachtenlegende, weil sie die Insel selbst in den Mittelpunkt stellt und nicht die Conquista der Aragonesen.
Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Judikate kein eigenes Wappen geschaffen hätten. Was hätte für die neuen Herren der Insel näher gelegen, als ein Wappen zu wählen, das die vier Judikate darstellt? Beweise dafür gibt es keine, aber die Logik ist bestechend.
Die Binde, ein Detail mit Geschichte
Wer mehrere Versionen der Flagge nebeneinander legt, bemerkt einen Unterschied. Manchmal tragen die Köpfe eine Augenbinde, manchmal eine Stirnbinde. Manchmal schauen sie nach links, manchmal nach rechts. Das ist kein Zufall und hat eine eigene Geschichte.
Die ursprüngliche Version zeigte die vier Köpfe nach links blickend und mit Stirnbinde. Irgendwelchen Zeichnern ist beim Kopieren des alten Wappens dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Stirnbinde zu einer Augenbinde heruntergerutscht. Ein Fehler, der sich festsetzte und zur offiziellen Version wurde.
Früher verdeckten die Binden die Augen, um auf den Zustand als Gefangene hinzuweisen. Heute sind die Binden auf der Stirn befestigt, um die Befreiung zu symbolisieren. Das ist keine Kleinigkeit. Der Unterschied zwischen Augenbinde und Stirnbinde bedeutet den Unterschied zwischen Unterwerfung und Freiheit. Kein Wunder, dass die Sarden darüber diskutieren.
1999 wurde die Flagge offiziell angepasst. Die Köpfe erhielten statt Augenbinden wieder Stirnbänder, und auch der Ohrring wurde entfernt. Außerdem schauen die vier Köpfe seit jenem Jahr vom Fahnenmast weg. Eine bewusste Entscheidung, kein Versehen.
Was die Flagge für die Sarden bedeutet
Unabhängig davon welche Erklärung man bevorzugt, ist die Bandiera dei Quattro Mori für die Sarden kein historisches Relikt. Sie ist ein aktives Identitätssymbol. Sie ist auf Sardinien allgegenwärtig, weht auf öffentlichen Gebäuden, wird bei kulturellen und sportlichen Veranstaltungen gehisst und ist ein tief verankertes Symbol der sardischen Identität.
Die Änderung der Augenbinde zur Stirnbinde steht als Symbol für die sardische Unabhängigkeitsbewegung und die Befreiung und Emanzipation der Sarden dar. Wer auf Sardinien mit Einheimischen über die Flagge spricht, merkt schnell, dass das kein akademisches Thema ist. Die Flagge ist Sardinien, und Sardinien ist die Flagge. Das sitzt tief.
Die Flagge gibt es in dieser Form mit den vier Köpfen seit 1281. Über 700 Jahre. Nicht viele Symbole halten so lange durch, und die meisten die es tun, haben diesen Grad an Bedeutung verloren. Nicht diese hier.
Was man mitnehmen sollte
Wer das nächste Mal auf Sardinien steht und die Flagge über einem Gebäude wehen sieht, schaut jetzt anders hin. Vier Köpfe, vier Möglichkeiten der Deutung, eine Insel die seit tausend Jahren ihre eigene Geschichte erzählt. Die Flagge ist ein guter Einstieg dafür.
